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01.01.2011

Dr. Manfred Nelting ist der Gesundheitspolitik auf der Spur


Dr. Manfred Nelting

KABINETT-Kolumne – ein Arzt kommentiert Politik:Gesundheit, wo bist Du?

Dr. Manfred Nelting ist Facharzt für Allgemein- und Psychotherapeutische Medizin, Naturheilkundler und ärztlicher Direktor der Gezeiten Haus Klinik in Bad Godesberg. Seit Jahrzehnten befasst er sich mit Depressionen und Erschöpfungszuständen und wirksamen Methoden, diesen „Globalisierungskrankheiten“, wie er sie nennt, zu begegnen. Der Experte appelliert an die Politik, fordert aber auch  Eigeninitiative jedes einzelnen. Denn betroffen sind wir alle.

Die aktuelle Situation in der Gesundheitsfrage

Unsere Gesellschaft ist zunehmend krank, mehr als die Hälfte der Bevölkerung leidet an einer ernstzunehmenden Krankheit, viele an mehreren. Erst kamen die Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Asthma, Krebs  usw., jetzt nehmen die Globalisierungskrankheiten wie Depression, Burn-out, Herzinfarkt, Tinnitus, chronische Schmerzen überhand, und die ersteren bleiben trotzdem. Aktuell nehmen psychische und psychosomatische Erkrankungen besonders stark zu. Man könnte anders formulieren: immer mehr Menschen kommen nicht mehr zurecht in dieser Welt, jedenfalls nicht in Gesundheit.

Ist das also einfach Schicksal, unbeeinflussbar und hinzunehmen? Nein, die allermeisten Krankheiten kriegt man nicht einfach so. Die Forschung und unabhängig davon auch der gesunde Menschenverstand sagen uns, dass die alltägliche Lebensweise, zu der uns die Globalisierung herausfordert und in die sie uns hineinsaugt, wenn wir es zulassen, uns nicht gut tut, nicht wirklich zum Menschen passt. Wie begrenzen wir diese Sogwirkung?

Gesellschaft und Politik

Wir haben  mehr Krankheit unter uns, als notwendig. Der Arzt soll dabei individuell auch reparieren oder "wegmachen“, was auf gesellschaftliche Ursachen und unsere aktuelle Art, zu wirtschaften und zu leben, zurückzuführen ist. Das ist eine unsinnige Strategie, die nicht zur Gesundheit führt, sondern zu Gesundheitskosten. Eine "kranke" Gesellschaft allein durch medizinische Versorgung zu heilen funktioniert nicht, wenn pathogene Lebens- und Arbeitsverhältnisse ständig "Nachschub" liefern. Die Heilung krankmachender Verhältnisse ist eine politische Aufgabe, und sie kann weit mehr Krankheiten verhindern, als der Arzt je behandeln kann.

Wir erleben aktuell die x-te „Gesundheits“-Reform, in der Regel sind es "Jahrhundertreformen" im Vierjahrestakt. Mit Gesundheit haben diese Reformen weitgehend nichts zu tun, es handelt sich in der Regel um Arbeitskosten- und Krankheitskosten-Management im Rahmen der medizinischen Versorgung unter „gebührlicher“ Beachtung von Unternehmensinteressen im „Gesundheits“-Bereich.  Also weiter vorwiegend dauerhafte Medikamenten-Verschreibung? Der Arzt als Pillen-Tankwart sozusagen: "Normal oder Super?" Nein danke! sage ich.

Wer ist dafür zuständig?

Der Gesundheitsminister ändert das nicht, was nicht verwundert, unser "Gesundheits"-Ministerium ist dafür ja auch gar nicht da! Das "Gesundheits"-Ministerium verwaltet nur das (Krankheitskosten-)System der medizinischen Versorgung. Die Änderung pathogener Lebensweisen, die sich in unserer Zeit der Globalisierung und unter Beteiligung eines jeden kollektiv herausgebildet haben, ist vielmehr Sache gerade aller anderen Ressorts, also hier den Rahmen für gesündere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu kreieren. Das rührt allerdings an viele heilige Kühe, z. B. Wachstum und Gewinnmaximierung als zentrale, vielfach sinnentleerte Leitprinzipien! Anerkennung als Nahrung in der Arbeit und eigene Gestaltungsmöglichkeiten im Arbeitstag sind hier u. a. notwendige Orientierungsprinzipien für den Gesundheitserhalt. Eine Alternative zu einer solcherart  vorbeugenden, politischen Medizin gibt es aber nicht, ein "weiter so" endet im Fiasko, finanziell und gesundheitlich!

Der Staat hat die generelle grundgesetzliche Aufgabe, seine Bürger vor dem Risiko der Erkrankung zu schützen. Das fand in den letzten Jahrzehnten und findet aktuell nicht statt. Das Bundeskabinett ist also aufgefordert zu beachten, welche gesundheitlichen Auswirkungen sein Handeln auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen und die Alltage seiner Bürger hat, und sein Handeln danach auszurichten. Dafür ist allerdings unsere subdemokratische "Lobbykratie", die in ihrem Interesse unsere Politiker erfolgreich zu abgebremstem, eher kosmetischen Handeln verführt, wenig geeignet. Insofern müssen wir als Bürger im Interesse unserer Gesundheitschancen der Demokratie wieder direkt zu Kraft verhelfen.

Lebensweisen

Lebensweisen entscheiden grundlegend über unsere Gesundheit, indem sie die innere Kommunikation mit unseren Genen in einer Weise anregen können, dass sowohl krankheitsförderliche Genmuster oder aber für die Gesundheit günstige Genmuster geschaltet werden können.

Möglicherweise dachten Sie: "Gene sind doch unveränderlich!" Ja, aber sie können an- und abgeschaltet werden. Diese sogenannten epigenetischen Schaltvorgänge sind erst seit einigen Jahren bekannt, weisen aber unmissverständlich daraufhin, wie soziale und gesellschaftliche Alltagsbedingungen an individuellen Krankheits- und Gesundheitszuständen beteiligt sind und sich so auch individuell umsetzen können.  Das Bundeskabinett sollte sich hier zu epigenetischen Fragen unbedingt kundig machen.

Eigenbeitrag

Wenn wir selbst aktiv eine zu uns als Menschen besser passende Lebensweise für unseren Alltag wählen und gestalten können, schalten wir  eigenverantwortlich unsere Gene in Richtung Gesundheit. Ein kleines, schon hilfreiches Beispiel: Wir  können eine Stunde unseres täglichen Fernsehkonsums durch Bewegung ersetzen: Sport, Qigong, zu Fuß zur Arbeit gehen.  Das ist kein Ratschlag, sondern Hinweis für den tatsächlich möglichen, aber eben auch zweckmäßigen und trotz der sehr einfach erscheinenden Maßnahme wirksamen Gebrauch des Menschen durch sich selbst (wer's braucht: wissenschaftlich bewiesen!).

Bürgerbeteiligung

Weiß Politik denn, was sie hier zu tun hätte und wie sie den Bürger hier notwendigerweise mit einbezieht? Ich glaube, sie weiß es so wenig wie bei Stuttgart 21, aber ein bisschen mehr Demokratie, und zwar direkter, wird es schon werden müssen, damit lobby-unabhängige Politiker wieder zum Wohle des Volkes und seiner Gesundheit handeln können.  Alles andere können wir uns nicht leisten.

Gesundheit! Ihr Manfred Nelting