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Radikaler Avantgardist und Meisterkoch

Berühmt geworden ist Ferran Adrià als Chefkoch des legendären Restaurants El Bulli in Barcelona, das bis zur Schließung 2011 fünfmal hintereinander von Michelin als bestes Restaurant der Welt ausgezeichnet wurde. Seitdem ist der Meisterkoch der molekularen Küche im sogenannten „Bullilab“ und nun der El Bulli Foundation weiter radikal auf Sinnessuche. Wie er dabei vorgeht, oder besser was in seinem Kopf passiert, zeigt die Ausstellung „Ferran Adrià: Notes on Creativity“, die noch bis zum 3. Juli im Marres in Maastricht zu sehen ist. Für Genießer ein Muss.


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Alles klar? Für Meisterkoch Ferran Adrià steht der kreative Prozess, der im Hintergrund abgebildet ist, vor dem Geschmackserlebnis. © Frank Fäller

Kreativität ist das Stichwort für die Kraft, die den quirligen Katalanen ständig umtreibt. Das wird in seinen Worten schnell deutlich, die während seines Besuches erst langsam, dann immer vehementer und temperamentvoller hervorsprudeln. Ferran Adrià ist zu Gast im Marres, einem Haus für zeitgenössische Kunst im schönen Maastricht, das ein ausgeprägtes Faible für Kunst und Kulinarik hat. Gerade erst ist die TEFAF zu Ende gegangen – schon rückt die erste Ausstellung des Visionärs (Jahrgang 1962) in Europa wieder die Sinne ins Rampenlicht.

Wie kommt man auf Olivenöl-Kaviar, Spargelbier, Suppenduft-Löffel?

Ursprünglich von Brett Littman für „The Drawing Center“ in New York zusammengestellt, ist die Ausstellung speziell für Marres unter der Leitung von Direktor Valentijn Byvanck neu konzipiert worden. Das passt zu Süd-Limburg, der Genießer-Region in den Niederlanden: „Marres lässt sich von der Region inspirieren. Hier werden die Sinne nicht nur gestreichelt, sondern geschärft“, sagt Byvanck, der die Ausstellung zwei Jahre lang mit Adrià vorbereitet hat. Gut Ding will Weile haben. „Wir sind auf Spurensuche nach einem neuen Vokabular der Sinne“, umschreibt der Doktor der Kulturgeschichte die Ziele seines Hauses.


Stillleben mit Kirschen: So sieht ein Gericht des Visionärs Ferran Adrià aus — ein Fest für die Sinne. © Courtesy of elBullifoundation


So verblüffend die Küchengeräte als Exponate, so außergewöhnlich sind am Ende die Gerichte geworden. © Gert Jan van Rooij

Alle kreativen Aspekte der Küche bewegen den Meisterkoch, „nur Koch zu sein, interessiert mich nicht“, sagt Ferran Adrià. Radikale Avantgarde, mit Geschmack und Tastsinn zu  experimentieren, das sei seine Motivation. Derzeit arbeitet er mit Designern, Wissenschaftlern und anderen weltweit  renommierten Experten verschiedener Fachgebiete daran, eine schematische Darstellung von Lebensmittel zu erarbeiten. Schmunzelnd fragt er: Was haben Meister Yoda, Micky Maus oder Spiderman wohl mit seinen gastronomischen Studien zu tun? Gute Frage, deren Geheimnis er in ein bis zwei Jahren lüften will. Wir sind gespannt. Warum das alles? „Kochen ist die universellste Sprache der Welt“, lautet seine Antwort.

Im Spiegelsaal — alles, außer: gewöhnlich

Erforschung der Gastronomie könnte man seine Disziplin auch nennen. Dazu bedarf es Ideen, Visionen, Manuskripten, Zeichnungen und Gerätschaften um etwa Olivenöl-Kaviar, Spargelbier, Parmesanschnee und den Suppenduft-Löffel zu kreieren. Farbenfrohe Zeichnungen, Skizzen, Tonmodelle, Collagen, wandgroße Fotos, ausgefallenes Geschirr und ein Film mit fast 2.000 Gerichten aus 20 Jahren Schaffensphase sind zu sehen. Im „Spiegelsaal“ taucht man ein — in die Welt aus Trinkgläsern aller möglichen Formen, Servierplatten aus Metall für Amuse-Gueules oder Teller aus Schiefer, Glas und Plastilin. Eben alles, außer: gewöhnlich.

„Notes on Creativity“: Wer genau hinschaut, erkennt des Meisters Arbeit. Er schreibt ein Rezept nicht auf, sondern zeichnet es zuvor. Darum trug er jahrelang immer Bleistift und Papier bei sich: „Zeichnen bildet die Grundlage meines kreativen Prozesses, es ist oft Auslöser eines neuen Projektes“, erklärt Adrià den gebannten Zuhörern, die sich dank seiner Gestik und Begeisterungsfähigkeit  ungefähr vorstellen können, wie er ein Team zu Höchstleistungen antreibt. Davon profitiert auch die Stadt Maastricht, die kulinarisch und künstlerisch mit einem Rahmenprogramm aus Cookouts und Workshops beglückt wird.

Begehrter Schnappschuss mit Ferran Adrià: Marres-Direktor Valentijn Byvanck (li.) und Marres-Chefkoch Maher Al Sabbagh (re.).  © Frank Fäller


Aber auch vor Ort kann man im historischen Haus mit stylischen „Marres Kitchen“ glücklich werden — bei delikater Kost aus dem Mittleren Osten, die das gängige Fast-Food-Level weit hinter sich lässt. Und an Freundlichkeit und Aufmerksamkeit ist Chefkoch Maher Al Sabbagh ohnehin kaum zu überbieten. Bei gutem Wetter sitzt man herrlich im Garten …
(Frank Fäller)

Info: Marres in Maastricht, Capucijnenstraat 98, verfolgt seit 2013 ein Langzeitprogramm über die Sinne, das der Arbeit bildender Künstler sowie der von Designern, Musikern, Parfümeurs und Köchen gewidmet ist.
www.marres.org