Nachrichten > Kultur

Üppige Blumenbuketts, Früchte, Schneckenhäuser

Um monographische Ausstellungen niederländischer Meister in Deutschland zu sehen, genügt häufig eine Visite des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums. Kein Wunder, denn der Direktor Peter van den Brink pflegt beste Kontakte in seine Heimat. Noch bis zum 5. Juni 2016 ist „Schöner als die Wirklichkeit – Die Stillleben des Balthasar van der Ast“ zu sehen.


still16_bi1

Balthasar von der Ast: Blumenarrangement, Früchte und Schneckenhäuser vor einer Architekturkulisse. © Douai, Musée de la Chartreuse, Foto: Hugo Maertens

Üppige Blumenbuketts, Früchte, Schneckenhäuser – und die wiederentdeckte Tulpe „Sommerschön“: Die großartigen Stillleben des Balthasar van der Ast, einem herausragenden Vertreter des Goldenen Zeitalters, sind zwar vielen Kunsthistorikern, Sammlern und Kunsthändlern ein Begriff, dem breiten Publikum jedoch nicht. Das soll sich jetzt ändern: Mit der Ausstellung „Schöner als die Wirklichkeit – Die Stillleben des Balthasar van der Ast (1593/94-1657)“ präsentieren die Kuratorinnen Sylvia Böhmer und Sarvenaz Ayooghi erstmals die wichtigsten Gemälde des niederländischen Meisters auf einen Blick, ausnahmslos Exponate von hoher Qualität.


Wiederkehrendes Motiv: Blumen- und Früchtearrangement.  © Rijksmuseum Amsterdam

Der aus Middelburg stammende Balthasar van der Ast (1593/94-1657) war einer der schillerndsten und erfolgreichsten Stilllebenmaler der 1620er und 1630er Jahre in den nördlichen Niederlanden. Von 1609 an lebte er bei seiner Schwester Maria und ihrem Gatten Ambrosius Bosschaert, sozusagen dem Paten holländischer Blumen- und Früchtestillleben. Van der Ast ging bei seinem deutlich älteren Schwager in die Lehre, mit ihm zog er auch nach Bergen op Zoom und später nach Utrecht, wo er 1619 zum Freimeister in der Malergilde wurde.

Seine Produktion war von Anfang an enorm – kennen wir doch 23 datierte Gemälde allein aus den Jahren 1622 und 1623. Und der Erfolg stellte sich schnell ein. Er erhielt wichtige Aufträge, sowohl vom Hof des Statthalters in Den Haag als auch von anderen hochgestellten Sammlern. Viele Jahre nahm er eine führende Rolle in der Stilllebenmalerei ein, bis ihn nach 1640 jüngere Kollegen wiev sein Schüler Jan Davidsz de Heem oder Willem Kalf und Willem van Aelst ablösten. Danach geriet van der Ast zusehends in Vergessenheit.

Erstes Schneckenstillleben der Kunstgeschichte

Das Gros der Werke Balthasar van der Asts entstand für den freien Markt, weitgehend kleinformatige Blumenstücke oder Früchtestillleben, bisweilen auch Kombinationen aus beidem. In den späten 1620er Jahren erschuf van der Ast neue Kompositionstypen, etwa die zwei Rosen auf einer Steinplatte aus einer kanadischen Privatsammlung oder den raffinierten Blütenzweig aus Berlin. Zur selben Zeit malte er auch das erste reine Schneckenstillleben der Kunstgeschichte. Ebenso wie Tulpen waren Schneckenhäuser exotische und überaus kostbare Sammlerstücke. 1632 zog van der Ast nach Delft, vermutlich der größeren Nähe zum Hof des Statthalters wegen, aber vielleicht auch weil die Absatzmöglichkeiten in Utrecht schwanden.

In Delft entstanden einige der wohl bezauberndsten Werke Balthasar van der Asts. Er experimentierte mit der Lichtführung und wählte hellere Hintergründe als bei den in Utrecht entstandenen Stücken. Zudem wurden seine Kombinationen von Blumen, Früchten und Schneckenhäusern gewagter – und zugleich naturalistischer. Das zeigt sich etwa an den drei hervorragenden Blumenstücken aus dem Louvre, der National Gallery London und dem Mauritshuis in Den Haag oder dem bemerkenswerten Früchtestillleben aus einer amerikanischen Privatsammlung. Hier erreicht er den Höhepunkt seiner künstlerischen Fertigkeit. Das vielleicht verblüffendste Gemälde, das van der Ast – wohl um 1640 – malte, ist das große in Form eines Blumenstraußes gehaltene Früchtestück, das den dynamischen Abschluss der Ausstellung bildet.

36 Gemälde und 12 Arbeiten auf Papier

Die Ausstellung „Schöner als die Wirklichkeit“ ist das Ergebnis einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Aachener Suermondt-Ludwig-Museum und der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha. Es ist gelungen, nicht weniger als 36 Gemälde und 12 Arbeiten auf Papier van der Asts zusammenzutragen. Sie werden ergänzt durch vier Werke von unmittelbaren Vorgängern wie Ambrosius Bosschaert und Roelant Savery.

Neben dem erwähnten Porträt der Tulpe „Sommerschön“ und dem außergewöhnlichen Stück aus Douai, das in Kooperation mit dem Architekturmaler Bartholomeus van Bassen entstand, finden sich in dieser hochkarätigen Auswahl Werke aus wichtigen Häusern wie dem Amsterdamer Rijksmuseum, dem Ashmolean Museum in Oxford, der Berliner Gemäldegalerie, dem Centraal Museum in Utrecht oder dem Madrider Museo Thyssen-Bornesmisza. Darüber hinaus konnten auch 16 Privatsammler als Leihgeber gewonnen werden.
www.suermond-ludwig-museum.de