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Vergessene Benzinpaläste: Tankstellen der 1950er Jahre neu entdeckt

Geschwungene, übergroße Dächer, weite Vorfahrten, gläserne Kassenhäuschen: Die Tankstellenarchitektur der 1950er Jahre kündete von Aufbruch, Fortschritt und der Liebe der Deutschen zum Automobil.


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Die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen zeigt die besten Fotos (hier Halver, 2014) von Joachim Gies im Haus der Architekten im Düsseldorfer Medienhafen. © Joachim Gies

Der junge Fotograf Joachim Gies hat 300 alte Tankstellen jener Jahre ausfindig gemacht und fotografisch dokumentiert. Unter dem Titel „Abgetankt“ zeigt die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen die besten Fotos bis zum 24. April im Haus der Architekten im Düsseldorfer Medienhafen.

Viele Autofahrer traten unwillkürlich auf die Bremse, als sie Joachim Gies mit seiner Kamera auf dem Hochstativ erblickten. Sie vermuteten eine Radarfalle. Die Kamera aber war nicht auf den Verkehr, sondern auf alte Tankstellen gerichtet. Umgenutzte und brachliegende Tankstationen hatte der 29-jährige zum Thema der Abschlussarbeit seines Fotografie-Studiums an der Fachhochschule Dortmund erwählt. Die Auswahl, die Joachim Gies nun in der Ausstellung „Abgetankt“ vorstellt, dokumentiert Architektur und Zeitgeist, Zukunftsglaube und Vergänglichkeitsängste. „Am Beispiel der Tankstellen können wir auch darüber diskutieren, wie wir mit dem Gebäudebestand der Nachkriegszeit umgehen und wie man für erhaltenswerte Bauten geeignete Nachnutzungen entwickeln kann“, erklärt Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer NRW, anlässlich der Eröffnung der Ausstellung.    


Beispielhaft hat Joachim Gies den Zustand ausgedienter Tankstellen im Ruhrgebiet, im Sauerland, im Bergischen Land sowie im Rheinland (hier Köln, 2014) dokumentiert.  © Joachim Gies

 

Beispielhaft hat Joachim Gies den Zustand ausgedienter Tankstellen im Ruhrgebiet, im Sauerland, im Bergischen Land sowie im Rheinland dokumentiert. Gies gliedert die Arbeit in vier Kapitel: „Essen und Trinken“ fasst gastronomische Nachnutzungen zusammen; „Auto-mobil“ handelt von Werkstätten, Gebrauchtwagen und Reifenhandel auf den Geländen; in „quer-beet“ finden sich unter anderem ein Reisebüro, ein Friseursalon, eine Autobahnkapelle und Wohnungen in den Gebäuden der aufgegebenen Stationen; „Leer-stand“ schließlich erfasst die Gelände, die ohne Folgenutzung dem Verfall preisgegeben sind.


„Essen und Trinken“ fasst als eines von vier Kapiteln gastronomische Nachnutzungen (Düsseldorf, 2013) zusammen. © Joachim Gies

 

Während seines Fotografie-Studiums in Dortmund begann Joachim Gies, sich systematisch und konzeptionell in seiner fotografischen Arbeit mit seiner neuen Umwelt auseinander zu setzen. In „Halde Hoheward“ (2010) untersuchte er den Strukturwandel an dem Beispiel einer ehemaligen Abraumhalde, die heute als Naherholungsgebiet genutzt wird. Die Abwesenheit von Menschen an einst belebten Orten wurde zu einem wiederkehrenden Thema seiner fotografischen Arbeiten, das auch in den Fotoreihen „Freibäder im Winter“ (2008) und „Spurensuche“ (2010) im Haus des verstorbenen Großvaters aufgegriffen wurde. „Diese verlassenen Orte haben für mich etwas Faszinierendes“, erklärt der Fotograf.

Für das Projekt „Abgetankt“ recherchierte Joachim Gies u. a. anhand alter Telefonbücher eine Vielzahl von Adressen ehemaliger Tankstellen. Rund 300 alte Tanken fuhr der Fotograf an – und fand dabei unterwegs immer weitere Tankstellen. „Alte Tanken finden ist wie Pilze suchen. Hat man seine Sinne erst sensibilisiert, tauchen sie auf einmal aus ihrem verborgenen Dasein auf“, fasst Gies seine Erfahrungen zusammen. Seine meisterhaften Bilder hat Joachim Gies in einem Buch veröffentlicht, für das er bereits viele positive Kritiken bekommen hat. Eine Fortführung des Projektes ist geplant.
Mehr Informationen unter
www.abgetankt.de und www.aknw.de