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Glück, glücklich, Sammlerglück

Glücksfall: Mit der Ausstellung „Sammlerglück“ präsentiert das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum bis zum 21. Juni 2015 etwa 100 Meisterwerke der Sammlung Marks-Thomée – eine Sammlung, die als das letzte erhaltene Beispiel einer bedeutenden großbürgerlichen Kunstsammlung in Privatbesitz gilt.


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Motiv der Ausstellung „Sammlerglück“: Bildnis eines jungen Mannes mit Bolzen, Wolfgang Beurer, Birn- oder Nussbaumholz, 34,9 x 25,3 cm. © Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

Man kann es nicht anders sagen: „Sammlerglück“ ist mindestens in doppelter Hinsicht ein trefflicher – wenn nicht gar glücklicher - Titel für diese umfassende Ausstellung. Glücklich wirkt ohne Zweifel der Enkel des Sammlers, Werner Marks, dem heute die meisten der Schätze seines Großvaters gehören. „Ich lebe mit buchstäblich mit den Kunstwerken zusammen“, strahlt er als Hüter der Sammlung vor Glück. Glück beschert die Ausstellung aber auch den Besuchern: Zuletzt gab es Erstmals seit den 1950er Jahren sind ausgesuchte Werke dieser Kollektion – Gemälde, Skulpturen und kunstgewerbliche Gegenstände – jetzt wieder öffentlich in Aachen zu sehen. Mit viel Fleiß und Leidenschaft haben zudem die Kuratoren der Ausstellung Thomas Fusenig und Michael Reif (Kustos der städtischen Sammlungen Aachen) gemeinsam mit Marks einen Katalog (Belser-Verlag) zusammengestellt, der erstmals seit 1931 wieder ein kunsthistorisches Werk über die Privatsammlung darstellt, das Kunstfreunde glücklich macht. Und auch Peter van den Brink, Leiter des Suermondt-Ludwig-Museums: „Eine Privatsammlung dieser Qualität hat die Öffentlichkeit lange nicht mehr gesehen.“

Westfälische Bildhauerei des späten Mittelalters

Ob Rogier van der Weydens „Geburt Christi mit Stifterin“ oder Tilman Riemenschneiders „Marientod“: Der  sauerländische Landrat und Kunstsammler Fritz Thomée (1862-1944) trug in vier Jahrzehnten Sammeltätigkeit eine Kollektion von etwa 900 höchst exquisiten Werken zusammen. Gezeigt wird eine Auswahl aus der Sammlung von der Antike bis ins 19. Jahrhundert, vom Orient bis nach Spanien. Thomeè sammelte außer Kunstwerken auch Alltagsgegenstände, Keramik, Truhen, Schränke und Kästchen. Neben Rogier van der Weyden und Riemenschneider bildet jedoch die westfälische Bildhauerei des späten Mittelalters einen Schwerpunkt der Ausstellung. Dazu gesellt sich ein neu entdecktes Kruzifix von Erasmus Grasser, dem Meister der Münchner Moriskentänzer. An der Seite von frühen deutschen Bildern gibt es Gemälde aus dem Goldenen Zeitalter der niederländischen Kunst im 17. Jahrhundert zu sehen. Mittelalterliche Handschriftenilluminationen, Grafiken von Albrecht Dürer sind zusammen mit Federzeichnungen des Spätromantikers Ludwig Richter ausgestellt. Altniederländische Malerei, eine anmutige Nelken-Madonna des italienischen Barock, Lüsterweibchen des 16. Jahrhunderts oder ein vergoldeter Pfauenpokal aus dem 17. Jahrhundert – diese Spitzenstücke haben wie der Rest der Sammlung den Zweiten Weltkrieg heil überstanden. Marks‘ Mutter Margret hatte sie in der Familienvilla eingemauert.


Glückliche Gesichter:  Michael Reif (Kustos der städtischen Sammlungen Aachen), Peter van den Brink (Leiter des Suermondt-Ludwig-Museums), Kurator Michael Fusenig, Kulturdezernentin der Stadt Aachen Susanne Schwier und Werner Marks, Hüter der Sammlung Marks-Thomeé (v.l.n.r.).  © Frank Fäller

Sie „vergötterte ihren Vater“, sagt Werner Marks. „Darum hegte und pflegte sie ihr ganzes Leben lang seine Kunstwerke. Nie hat sie etwas verkauft“ (Weltkunst 12/2013). Verkäufe wurden auch weitgehend vermieden, nachdem die Sammlung in den 1950er Jahren unter den Erben aufgeteilt worden war. Werner Marks begann Ende der 1990er Jahre damit, Werke von seinen Verwandten zu erwerben und die Sammlung des Großvaters wiederherzustellen. „Das ist heute mein wichtigstes Anliegen, die Sammlung soweit es möglich ist, wieder zusammenzuführen“, erzählt der temperamentvolle Marks. Und was bewog den Großvater, eine so bedeutende Privatsammlung zusammenzutragen? Er sei  vernarrt in Altertümer gewesen, lautet die Antwort seines Enkels, der „Geschichten spannender als Krimis“ über die Herkunft mancher Kunstschätze lebhaft erzählen kann.

 


Die Geburt Christi, Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä., um 1515, Öl auf Tannenholz, 58 x 81 cm. © Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

Fritz Thomée stammte aus einer Industriellenfamilie. Nach dem Jurastudium trat er in den höheren Verwaltungsdienst ein und wurde 1902 Landrat im Kreis Altena. 1906 heiratete er die Iserlohner Fabrikantentochter Luise Herbers. Und 1906 startete er auch mit dem Wiederaufbau der mittelalterlichen Burg Altena. Für den Burg-Verein stellte er mit halb-öffentlichen Mitteln die museale Sammlung zusammen, die noch heute in der Burg zu sehen ist. Parallel dazu baute Thomée, der schon als Assessor einige mittelalterliche Kunstwerke oder etwa eine Kopie eines Bismarck-Porträts nach Lenbach erworben hatte, seine private Sammlung auf.

„Geschichten spannender als Krimis“

Fritz Thomée kaufte im Kunsthandel und auf Auktionen. Eine Gelegenheit, die Insiderkenntnisse erforderte, war der Erwerb einer Vielzahl von Objekten für die Ausstattung von Burg Altena 1913 aus den Beständen des damaligen Suermondt-Museums in Aachen. Das Museum war einige Jahre zuvor mit Hilfe von Alexander Schnütgen durch den Ankauf der Kölner Sammlung des Bildhauers Richard Moest (1841-1906) mit einem Schlag zu einem der wichtigsten Museen nordeuropäischer Skulptur des Spätmittelalters geworden. Ein Teil der Sammlung wurde bald danach, mit Rücksicht auf die beengten Räume und um einen Teil des Kaufpreises zu erlösen, wieder veräußert. Thomée kaufte unter anderem 40 Wandpaneele und zwei Renaissancetüren aus dem Aachener Bestand. Für sich selbst erwarb er eine Predella für 200 Mark – und zwei Leuchterengel für 60 Mark, die sich noch heute in der Sammlung befinden und in der Ausstellung zu sehen sind. 1917 ersteigerte er auf einer Auktion in München noch weitere Stücke aus der ehemaligen Sammlung Moest, die aus den Beständen der Stadt Aachen stammten


Landrat Fritz Thomée, Leo Samberger (1861– 1949), Öl auf Malpappe, 82 x 69 cm; signiert oben rechts: Leo Samberger 1922. © Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

In den späteren 1920er-Jahren war Thomée ein arrivierter Sammler, der regelmäßig um Leihgaben für Ausstellungen gebeten wurde. Die Ausstellung „Sammlerglück“ ist ein exklusives, temporäres Museum-im-Museum – an kongenialer Stelle. Die Gründerzeitvilla „Haus Cassalette“, in der das Suermondt-Ludwig-Museum untergebracht ist, beherbergt die städtischen Kunstsammlungen, deren Grundstock großbürgerliche Sammler stifteten. Sie sammelten zur selben Zeit, in der auch Fritz Thomée seine Kunstwerke erwarb. Im Anschluss geht die Ausstellung in das Berliner Bode-Museum. (Frank Fäller/ACP)
Mehr Informationen unter www.suermondt-ludwigmuseum.de