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Waldemar Ritter: Wenn du in Rom lebst, lebe wie ein Römer, wenn du woanders lebst, lebe, wie man dort lebt

In Europa sind die Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Zuletzt hat sich das bei den Präsidentschaftswahlen in Österreich gezeigt. In Deutschland profitierte die AfD von Angela Merkels umstrittener Flüchtlingspolitik und von Parolen gegen den Islam. Der Politologe und Historiker Waldemar Ritter beschreibt, worauf es vor diesem Hintergrund in Deutschland und Europa ankommt.


Waldemar Ritter, © Hartmut Bühling

Waldemar Ritter, © Hartmut Bühling

K: Herr Dr. Ritter, haben wir etwas vergessen?

R: Ja, das haben Sie. Die noch immer nicht beantworteten Fragen notwendiger Integration, die Vereinbarungen mit der Türkei, die Sicherheitspolitik und Prävention  nach der vierten islamistischen Terrorwelle in Europa: Madrid, London, Kopenhagen, Paris und in diesem Jahr  Brüssel. Und was wir nicht übersehen dürfen: Den Antiamerikanismus, die gegen die EU und gegen die Nato gerichtete Einstellung und die offenen Sympathien für Putins autoritäres System. Das allerdings hat die AfD mit den Linksradikalen gemeinsam.

K: Was ist zu tun?

R: Einen kühlen Kopf bewahren. Bei der Terrorwelle nicht trotz, sondern gerade wegen der schrecklichen Bilder aus Brüssel dürfte eine der effektivsten Waffen gegen den Terrorismus sein. Wir müssen uns wie bei IRA, RAF oder ETA auf längere Zeiträume – wahrscheinlich eine ganze Generation lang - einstellen

K: Sehen Sie auch ein Sicherheitsrisiko bei der massenhaften Einwanderung nach Deutschland?

R: Bei den Asylberechtigten, den  Verfolgten nicht. Aber durchaus bei den untergetauchten, unkontrollierten und nicht registrierten Einwanderern. Wie können wir diese Menschen integrieren, wenn wir nicht einmal wissen, wer sie sind und wo sie sich gerade in Deutschland befinden? Wieviel tausend Flüchtlinge sind jetzt in Deutschland, die an Kriesgsverbrechen in Syrien und im Irak beteiligt waren und wie gehen wir ihnen um? Die gehören vor Gericht.

K: Was sagen Sie den Menschen, die in Deutschland  leben wollen und hier bleiben dürfen?

R:  Ambrosius, der im Jahr 339 in Trier geboren wurde, hat damals zum bedeutendsten Einwanderer aus Nordafrika, dem heiligen  Augustinus,  gesagt: „Wenn du in Rom bist, lebe wie ein Römer, wenn du woanders bist, lebe, wie man dort lebt.“ In Deutschland gelten das Grundgesetz und die Gesetze der Republik. Wir leben in einem säkularen Staat, in dem die Religion nicht über dem Staat steht, sondern umgekehrt. Der Staat steht über der Bibel und dem Koran. Nicht die religiöse Glaubensfreiheit und das Glaubensbekenntnis, wohl aber das religiöse Handlungsgrundrecht unterliegen dem Vorrang des staatlichen, also dem Vorrang der Gesetze. Das steht in Artikel 136  Absatz 1 der Weimarer Reichsverfassung, der ausdrücklich durch Artikel 140 in das Grundgesetz inkorporiert wurde. Daran haben sich alle zu halten, und das müssen die Vertreter  und die Angehörigen aller Religionen akzeptieren. In Deutschland bestimmt der demokratische Staat in Gewaltenteilung die Regeln, Gesetze und Urteile, an die sich alle zu halten haben. Und nur der Staat hat das Monopol physischer Gewalt.

K: Ihr Freund, der Philosoph und Theologe Richard Schröder, der 1990 der erste Fraktionsvorsitzende der SPD in der ersten und letzten freigewählten Volkskammer der DDR gewesen ist, fordert Abschiebungen von nicht bleibeberechtigten Migranten und warnt davor, Flüchtlingen falsche Hoffnungen zu machen.

R: Er sagt nicht nur das. Er sagt ebenso nachdrücklich, dass wir uns ohne Strenge bei Migranten  zum Affen machen. Die meisten Einwanderer kommen aus asylfremden Gründen nach Deutschland. Im Ausland heißt es, in Deutschland gibt es genug Tricks, um zu bleiben .Es gibt unter Migranten den Spruch: Die Deutschen kann man leicht betrügen. So etwas ist Gift für das Ansehen des  Rechtsstaates. Es ist die pure Ungerechtigkeit. Die Kirchen können von ihren Mitgliedern  mehr Barmherzigkeit verlangen. Von Barmherzigkeit, vom Herz für die Elenden kann es nicht genug geben. Der Staat aber kann nicht barmherzig sein; der Staat muss gerecht sein. Auch in dem Wissen, dass einiges von dem, was gestern noch gerecht gewesen ist, heute oder in der Zukunft  ungerecht sein kann. Der Staat hat nach Regeln zu handeln, und er hat die Folgen zu bedenken. Wenn der Staat barmherzig wäre, wäre er korrupt, denn er würde Ausnahmen und Ausnahmen von den Ausnahmen  machen. Der Barmherzige darf das sogar im geräumigen Pfarrhaus, bei sich zuhause, in der Zweitwohnung, im Ferienhaus oder vor Ort, am besten in den Nachbarregionen der Flüchtlinge oder auf seinem grünen Ponyhof. Moralisch gesehen wäre es nach Wiederkehr sicherer Verhältnisse auch für die Flüchtlinge richtig, mit ihrer Rückehr beim Wiederaufbau ihrer eigenen Länder mitzuhelfen.

K: Die meisten Einwanderer, die seit September vergangenen Jahres nach Deutschland gekommen sind, sind Muslime. Haben der gescheiterte Bundespräsident Wulff oder Frau Merkel recht, die gemeint haben, der Islam gehöre zu Deutschland, oder eher der CDU- Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag Volker Kauder und jetzt auch die AfD, die beschlossen hat, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

R: Wir haben Meinungsfreiheit in Deutschland, das gilt auch für Politiker. Doch diese Fragestellung ist mir zu unklar, zu allgemein und daher auch äußerst missverständlich. Zu Deutschland  gehören alle deutschen Staatsangehörigen, alle Staatsbürger: Christen, Juden, Muslime, Andersgläubige und Nichtgläubige, im Übrigen auch die Gläubigen, die aus den Kirchen ausgetreten sind oder keine Moslems mehr sind. Natürlich gehören auch solche Ausländer zu Deutschland, die hier leben und integriert sind. Anders als die christliche und die jüdische Religion und vor allem die humanistische Tradition der Aufklärung ist der Islam bisher für unser Land, seine Verfassung, sein Selbstverständnis und seine Geschichte nicht konstitutiv. Wer die Frage nach dem Islam politisch stellt, muss sich zunächst selbst fragen, welchen er denn meint.- die Salafisten, Al-Qaida, den  Islamischen Staat oder Boko Haram doch wohl nicht. Wenn jemand sagt, der Islam und Demokratie sind nicht vereinbar, ist das grundsätzlich weder falsch noch richtig. Ich  unterscheide mit meinem politikwissenschaftlichen Kollegen Abdel-Samad, der selbst ein Moslem ist, zwischen dem Islam als Religion und als politischer Ideologie: Der Islam ist eine Religion , eine politische Kraft, aber auch eine politische Ideologie, eine Rechtsordnung, eine Gesellschaftsordnung, aber er verbindet auch seine Überlegenheitsideologie mit einem starken Missionsdrang, und genau diese Teile des Islams sind problematisch und können nicht Teil Deutschlands werden.

K: Dem könnten auch Frauke Petri von der Afd, Sahra Wagenknecht von den Linken, die Feministin Alice Schwarzer und wahrscheinlich auch Volker Kauder grundsätzlich zustimmen.

R: Da habe ich meine Zweifel. Aber: Wo läge das Problem? Wenn die sagen würden, dass die Sonne scheint, würde ich auch nicht widersprechen Alice Schwarzer hat gerade ein Buch geschrieben über den „Schock“ der Silvesternacht in Köln. Damit sollten sich nicht nur die Verteidiger und die Kritiker des Islam exemplarisch auseinandersetzen, sondern ebenso der parlamentarische Untersuchungsausschuss des Nordrhein-Westfälischen Landtags, der die Kölner Exzesse untersucht.

Schwarzers Hauptthesen sind:

- Junge Muslime aus Nordafrika und dem Nahen Osten hätten die „öffentliche Gewalt gegen Frauen“ nach Deutschland gebracht

- Die Täter von Köln seien vermutlich „fanatisierte Anhänger des Scharia-Islams“

- Die Silvesternacht zeige, dass falsch verstandene Toleranz gegenüber Muslimen zu gefährlichen Denkverboten führe

- Die angebliche Verdrängung der Wahrheit über die Täter von Köln habe mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Deutschen zu tun

- “Selbstgerechte“, die Schwarzers Islamkritik als rassistisch bezeichnen, machten sich zu Komplizen der Täter.

K: Glauben Sie, dass sich der Islam im Sinne der Aufklärung verändern und entwickeln kann?

R: Auf meinen Glauben kommt es dabei nicht an. Lessing  hat 1779 mit seiner Ringparabel beschrieben, wie es gehen könnte. Damals allerdings nur auf dem Theater. Er schrieb: „Kurz der Buchstabe ist nicht der Geist, und die Bibel ist nicht die Religion...  Es war die Religion, ehe eine Bibel war... Es mag also von diesen Schriften noch so viel abhängen: so kann doch  unmöglich die ganze Wahrheit der Religion auf ihnen beruhen.“ Ersetzte man in diesem Zitat  „Bibel“ durch „Koran“,  würden sich wie damals die herrschenden Christen heute vermutlich die vorherrschenden Schulen des Islam daran stören. Gemäßigte Moslems, zu denen ich die meisten deutschen Moslems zähle,  könnten das verstehen. So möchte ich auch den deutschen Zentralrat der Muslime verstehen, wenn er die Verfassungstreue  der Muslime betont.

K: Sind es nicht Erdorgans Prediger, die den Islamismus in Deutschland nähren?

R: Ja, einschließlich der Hassprediger und der Imame, die mit unserem Staatsverständnis nichts zu tun haben. In deutschen Moscheen predigen fast 1.000 Imame, die von der türkischen Religionsbehörde entsandt worden sind. Die von dieser türkischen Behörde angeleitete Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion ist nichts anderes als der verlängerte Arm des türkischen Staates. Ich sehe darin eine Missachtung unserer demokratischen Souveränität und eine Gefahr für die Integration, wenn über die Zukunft der Religion unserer türkischen Mitbürger im Ausland entschieden wird .Nämlich in der Türkei. Das geht gar nicht. Oder um spiegelbildlich mit dem türkischen Präsidenten zu sprechen: Was machen die hier? Was haben die hier zu suchen? Wir sind hier in Deutschland!

K: Erdogan hat in Deutschland gegen Jan Böhmermann wegen Beleidigung geklagt. Hat er recht?

R: Ja, hier hat er recht. Hier wird allerdings nicht von einer Kanzlerin darüber entschieden,, sondern von unabhängigen Gerichten. Ein Gericht das entscheidet nach deutschen Recht und Gesetz. Das Recht der freien Meinungsäußerung ist ein Grundrecht wie die Religionsfreiheit, wie das Persönlichkeitsrecht, wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau und wie die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Da kann man sich nicht eines heraus suchen, um mit ihm andere zu unterdrücken. Beleidigungsfreiheit gibt es bei uns nicht.

Kein Grundrecht ist ein Obergrundrecht. Grund- und Menschenrechte bedingen einander. Was Herr Böhmernann gemacht hat, ist nicht Meinungsfreiheit, sondern plumpe Beleidigung.

Politisch ist es eine Steilvorlage für den  wegen seiner Eingriffe in die Meinungs- und Pressefreiheit  umstrittenen türkischen Staatspräsidenten. Jetzt kann er sagen: Seht her, das verstehen die unter Meinungsfreiheit, die mich und alle Türken beleidigt. Deshalb sind die „fäkalen“ Äußerungen eines Hanswurst für Erdogan gut genug, um die Türken einschließlich der Deutschtürken hinter sich zu versammeln und weltweit mehr  Aufmerksamkeit für sich zu bekommen.

K: Ist die Türkei noch ein sicheres Land für Flüchtlinge? Und wie ist das in Deutschland?

R: Soweit ich sehe,  für Flüchtlinge ja, für Journalisten, für Richter, für Akademiker, Oppositionelle und die Meinungsfreiheit nicht. Erdogans in der EU umstrittenen Anti-Terrorgesetze heißen im Grunde genommen nichts anderes, als: Wer Terrorist ist, bestimme ich.

In Deutschland ist das eher umgekehrt. Wir sind kein sicherer Staat mehr. Was bei uns gegenüber Flüchtlingen geschieht, ist durch nichts zu rechtfertigen.

In welchem anderen Land der Welt hat es 2015 über 900 und seit Anfang dieses Jahres schon über 370 Anschläge auf Asylunterkünfte gegeben? Sachbeschädigungen, Gewaltdelikte, 45 Brandstiftungen bei Asylunterkünften und Sprengstoffexplosionen. Die steigende verbale Gewalt durch Hass-Kriminalität im Internet kann eine Vorstufe für Übergriffe auf Flüchtlinge sein Der Staat, die Staatsgewalt hat nicht nur bei der Gewalt von Flüchtlingen gegen Frauen in der Kölner Schreckensnacht versagt, Justiz und Polizei versagen bis heute bei der Gewalt von Deutschen gegenüber Flüchtlingen und Deutschen. Und von Flüchtlingen gegenüber Flüchtlingen. Was für ein Staat, der es hinnimmt , dass seine Polizistinnen in den Flüchtlingslagern von Muslimen sexuell belästigt werden. Und schaut endlich auch auf die Christen. Orientalische Christen werden in Deutschland bedroht, verletzt und misshandelt zum Teil von jenen muslimischen Peinigern, vor denen sie nach Deutschland geflohen sind .Es gibt nicht nur Staatsanwälte, die keinen Handlungsbedarf sehen, sondern sogar Bischöfe, die diese Verzweiflung , diese Demütigungen, diese Gewalt, diese Not herunterspielen.  Nach ihrem Glauben können sie ihre eigene Backe hinhalten, wenn sie auf die andere schon geschlagen wurden. Aber die Verfügung über den Nächsten, für sie die Backe hinzuhalten, das ist pervers, das steht im Land der Aufklärung, im  Rechtsstaat Deutschland niemandem zu. Auch die Gewalt gegen AfD-Politiker durch Linksextreme,  ich sage besser Linksfaschisten, hat erschreckende Ausmaße angenommen,  Der Anstieg linksextremistischer Gewalt im vielzitierten Sachsen entspricht ziemlich genau jenem rechtsextremistischer Gewalt. Doch eine öffentliche Debatte darüber findet nicht statt. Eine Ausnahme war der thüringische Ministerpräsident von den Linken, der öffentlich die Methoden der  Linksextremen in seinem Bundesland als  faschistisch bezeichnete.

K: Sie haben vor Esspressung durch Erdogan und der uneingeschränkten Visafreiheit für Türken nach Deutschland gewarnt. Sie schrieben damals, kein Abkommen mit der Türkei um  jeden Preis. Was geschieht, wenn Erdogan den Flüchtlingsdeal platzen lässt?

R: Die Kanzlerin hat Erdogan zu einem Problemlöser Nr.1 aufgerüstet, in dem sie ihm die Schließung der Balkanroute, zu der sie selbst nicht bereit war, zugeschoben hat. Jetzt sitzt  Frau Merkel mit ihrer widersprüchlich verkehrten Flüchtlingspolitik hilflos in der Bosporus-Falle. So langsam begreifen auch die meisten, die ihr am Anfang noch zugejubelt haben, dass sie sich in moralischem Übereifer und der Weigerung, unerfreuliche Entscheidungen selbst zu treffen, einem  gewählten Despoten in die Hände gegeben hat. Wir können und dürfen nicht Europas Sicherheit  und Zukunft abhängig machen vom Wohlwollen der Türkei. Wir wollen doch nicht in die Türkei, die Türkei möchte in die Europäische Union. Das Mäandern der Bundeskanzlerin hat weder mit Verantwortungsethik oder mit einer Kultur der Vernunft zu tun,  noch mit Haltung, Humanität oder Gerechtigkeit. Die Bundeskanzlerin kann man nur warnen, noch weitere Zugeständnisse an  Erdogan zu machen

Präsident Erdogan ist jetzt offenbar nicht bereit,  alle Verhandlungsergebnisse zu erfüllen. Erdogan will Visaerleichterungen, ohne die dafür bereits vereinbarten  Voraussetzungen zu schaffen. Vor allem weigert er sich derzeit, die umstrittenen Anti-Terrorgesetze seines Landes zu erfüllen.  Die Änderung gehört zu der von der Türkei angestrebten Visafreiheit für alle Türken nach Deutschland und  Europa. Wenn nicht einmal das geschieht, kann es keine Visafreiheit geben. Richtig hat hier das Europaparlament gehandelt, dass das Abkommen erst dann im europäischen Parlament behandeln wird, wenn die vorgesehenen Bedingungen erfüllt sind. Das ist ein Ausrufungszeichen europäischer Demokratie, wenn das Europaparlament dafür sorgen will , dass es keine bedingungslose Visaliberalisierung gibt: Pacta sunt servanda! Die Bedingungen, die vereinbart wurden, müssen auch eingehalten werden.  Ich kann nur hoffen, dass die Türkei weiß, was zu tun ist. Und Angela Merkel wenigstens diese vereinbarten  Bedingungen  durchsetzt und nicht noch weiter vor Erdogan kuscht.

K: ...und wenn das Erdogan trotzdem nicht will? Und aus Ärger die Grenzen wieder öffnet und Flüchtlinge und Migranten Richtung Europa ziehen lässt?

R: Europa hätte durchaus andere, nicht türkische, sondern in jeder Hinsicht europäische Möglichkeiten. Das hat der von Merkel kritisierte Einwanderungsstopp durch die  Schließung der Grenzen  Mazedoniens gezeigt, wofür dieses arme Land politische Unterstützung der Balkanstaaten und Österreichs erhielt, aber keinen Euro, weder von Deutschland noch aus der EU. Die griechischen Inseln könnten zentrale Aufnahmestellen werden. Zusammen mit Frontex könnten abgelehnte Asylbewerber und Wohlstandsmigranten von dort direkt in ihre Heimatländer zurück geführt werden. Die Ankara zugesagten 3 bis 6 Milliarden Euro könnten den Griechen zugute kommen. Welch ein Segen für anerkannte Flüchtlinge, für politisch Verfolgte und Asylberechtigte wäre das. Welch eine Pleite  für Schlepperbanden, für Menschenhändler und andere Kriminelle. Welch ein Segen für das gebeutelte Griechenland könnte das sein.

K: Was ändert sich in Deutschland durch die massenhafte Einwanderung?

R; Ja, die Gesellschaft und wir selbst sind in der Gefahr drohender Umgestaltung. Die Rückkehr der Gewalt in den Alltag,, wie es Alexander Meschnig beschrieben hat. Das in sich wandelnde  Parteienspektrum, die gesellschaftlichen und  privaten Verwerfungen und  Polarisierungen im Meiden von öffentlichen Räumen bis zur Zunahme von Waffenscheinen und Sicherheitstechnik, die steigende Angst um die eigenen Kinder und so weiter und so fort. Anders als für die Kanzlerin und für die Grüne Katrin Göring-Eckardt: „Es wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich darauf“, hält sich die Vorfreude auf die bereits sichtbaren und die kommenden Änderungen für die meisten wohl in Grenzen.  Das Schlimmste wäre wohl, wenn ich sagen würde: Ich habe Mitleid mit Frau Göring -Eckardt, den Grünen und der Kanzlerin. Jetzt hätten sie noch eine rechnerische Mehrheit im Bundestag. Bedenke, was du dir wünschst, es könnte dir gewährt werden.

K: Wo liegt Ihrer Meinung nach die Lösung des derzeitigen Flüchtlingsproblems?

R: Das ist ein weites Feld.  Die Flüchtlingskrise ist eine weltweite Aufgabe. Ihre Lösung liegt nicht in Europa, sondern dort, wo sie entstanden ist und weiter existiert: In Asien und Afrika. Konkret liegt sie in den betroffenen Regionen. Dort müssen die Europäer, aber auch die Amerikaner, Russland und China und vor allen müssen die reichen Araberstaaten ihren Verwandten helfen. Nicht verbal, sondern substanziell. Gut gemeinte Resolutionen, oder Kritik von Nichtregierungsorganisationen oder gar von Hilfsorganisationen ohne eigene konkrete Hilfe ist Wasser predigen und Wein trinken, ist die eigenen Aufgaben auf andere abzuladen. Gerade wir Deutschen, sollten dort, wo die Ursachen liegen, wo Gewalt ein Fluchtgrund werden kann, bei UN-Friedensmissionen  wenigstens in Zukunft eine bessere Figur abgeben. Nicht nur mit mehr Soldaten.  Hier sprechen die aktuellen Zahlen der ebenso wichtigen Polizei eine Ideologie enthüllende Sprache. Von 15000 Polizisten, die gerade bei UN-Friedensmissionen im Einsatz sind, kommen 34 aus Deutschland. Einsame Entscheidungen, wie der damalige Entschluss der deutschen Kanzlerin, den sie mit dem österreichischen Bundeskanzler Faymann , aber nicht mit den anderen 26 EU-Staaten und auch nicht mit den hauptbetroffenen Ministerpräsidenten der Länder in Deutschland abgestimmt hat, und die darauf folgenden anderen nationalen  Alleingänge müssen der Vergangenheit angehören. Durch den Rückfall in altes nationalstaatliches Denken werden der Frieden und unsere Freiheit gefährdet. Das heisst auch mit Weltoffenheit und Verfassungspatriotismus dem Chauvinismus entschieden gegenüber zu treten. Deutschland und Europa sind zwei Seiten derselben Medaille. Wir sollten die Mahnungen der Ex-Kanzler Helmut  Kohl und Helmut Schmidt sowie den europäischen Ratspräsidenten Donald Tusk  sehr ernst nehmen, dass in Europa neben den humanitären Aspekten zugleich wohlbegründete kulturelle und sicherheitspolitische Pflichten und Interessen zu berücksichtigen sind.

K: Was bedeutet uns heute Europa? In Großbritannien wird auch im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise über den Brexit diskutiert.

R: Wir alle in Europa müssen uns wieder auf unser kulturelles Erbe, auf unsere geistigen Leuchttürme und auf unsere europäischen Errungenschaften besinnen und darauf, was wir in Zukunft gemeinsam hervorbringen können. Oder müssen uns erst der Papst oder Obama sagen, was wir geschafft haben und was wir  hervorgebracht haben und wo wir heute stehen? Über 500 Millionen Menschen, die 24 Sprachen sprechen, in 28 Ländern leben, 19 davon in einem Währungsraum, alle vereint in einer europäischen Union  - das bleibt eine der größten politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Errungenschaften der Moderne. In einer kritischen Zeitenwende sollten wir uns vor Augen führen, was wir in Europa erreicht haben, Alle 28 Mitgliedstaaten sind stabile Demokratien. Wir erleben die längste Epoche  ohne Krieg in West- und Mitteleuropa, die es je gegeben hat. Die Europäische Gemeinschaft ist damit  eine der größten politischen Errungenschaften, die niemand aufs Spiel setzen sollte. Haben wir schon vergessen, was uns die großen deutschen  Europäer Konrad Adenauer und Willy Brandt gerade heute zu Europa zu sagen haben? Was wir heute mehr denn je brauchen, ist europäische Einheit in Vielfalt. Deutschland ist ein  Kulturland  in Europa. Alle Staaten in Europa müssen die gemeinsamen Verträge einhalten. Das wichtigste ist der Blick nach vorn - egal ob Großbritannien in der EU verbleibt  so wie es jetzt aussieht kann es nicht weiter gehen. Die europäische Union muss sich auf dem Fundament europäischer Ideengeschichte und europäischer Kultur reformieren, muss sich neu gestalten, muss sich neu denken. Ich träume von einer neuen Renaissance der Aufklärung in Europa. Europa muss wieder im vertrauensvollen Miteinander und auf gleicher Augenhöhe verstärkt an einem Strang ziehen. Kein souveräner Staat in der Europäischen Gemeinschaft sollte dabei fehlen. Gerade auch Großbritannien nicht, dessen Bürger nächsten Monat darüber abstimmen werden. Das altgriechische Wort Euruopa heisst frei übersetzt "weithinblickend". Darauf kommt es an.