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Künftige Pflegeausbildung: Spezialisten oder Generalisten?

Die Pflege ist ein Schwerpunkt der Bundespolitik. Kein Wunder, schaut man auf die demografische und epidemiologische Entwicklung in Deutschland. Ohne Personal keine Pflege, zuhause oder im beruflichen Umfeld. So steht nun endlich eine Ausbildungsreform der Pflegeberufe bevor, über die Pros und Contras wird dennoch weiter diskutiert. So auch im Aachener Marienhospital, die Zukunftswerkstatt e.V. hatte dazu Experten eingeladen. Moderator war Rudolf Henke, Bundestagsabgeordneter aus Aachen. Generalisierung oder Spezialisierung hieß die Gretchenfrage.


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Ein umstrittenes Thema, aber besonnene Streitkultur zeigten (von links nach rechts): Jochen Vennekate, Ralf Kaup, Dr. Karl Eßer, Evelyn Adams und Rudolf Henke (MdB). © Frank Fäller

Rudolf Henke (CDU) ist selbst mit dem kontroversen Thema befasst. Als Arzt und Vorsitzender des Marburger Bundes sowie als Politiker und Stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit. In dieser Funktion schickte Henke der Diskussionsrunde „Zukunft der Pflegeausbildung“ voraus, dass „kein anderes Vorhaben, die Gesundheitspolitik auf Bundesebene in dieser Legislaturperiode so lange beschäftigt hat.“

Ende November rechne er mit einem abschließenden Votum der Bundestagsfraktionen, damit die Reform nach mehr als zehn Jahren inhaltlicher Auseinandersetzungen auf den Weg gebracht werden könne. Henke sagte auch, dass man zum 1. Januar 2017 den Begriff der Pflegebedürftigkeit neu definieren wolle. Drei große Themen stehen dabei auf der Agenda. Die Demenz, der demografische Wandel und die Finanzierung sowie Dynamisierung der Pflegeleistungen.

Händeringend wurde zehn Jahre über eine Reform der Pflegeausbildung diskutiert. Einige Stunden diskutierte Rudolf Henke (CDU) darüber mit Experten bei einer Veranstaltung des Vereins Zukunftswerkstatt. © Frank Fäller

Ziel der Ausbildungsreform ist es bis 2020, vereinfacht gesagt, gemeinsame Ausbildungsstrukturen in der Altenpflege-, Kinderkrankenpflege- und Krankenpflegeausbildung zu erproben. Also eine generalistische Pflegeausblidung mit einem einheitlichen Berufsabschluss, weiterhin Schuldgeldfreiheit und eine angemessene Ausbildungsvergütung. Letztlich eine Vereinheitlichung, vielleicht aber auch eine solidarische Aufwertung des Berufsbildes? Denn Alten-, Kinder- und Krankenpfleger fühlen sich nicht gleichermaßen anerkannt, oder gar entlohnt

Auf die Seite der einheitlichen Pflegeausbildung stellten sich Jochen Vennekate (Leiter der Krankenpflegeschule des Aachener Luisenhospitals) und Evelyn Adams (Leiterin der Diakonie Akademie Wuppertal). Vennekate sagte, die Reform sei ein logischer Schritt, um den zukünftigen Anforderungen an professionelle Hilfe gerecht zu werden. Adams ergänzte: „Die generalistische Ausbildung ist lange überfällig und hilft, den Berufsalltag in verschiedenen Altersgruppen und Pflegesettings zu meistern.“

„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“

Eine lebhafte Diskussion würde den Namen nicht verdienen, wenn die Gegner nicht strikt dagegen wären. Auch sie haben aus Sicht ihrer Interessen gute Argumente. Ralf Kaup, Geschäftsführer bei den Aachener Caritasdiensten ACD gGmbH, beklagte, dass die Attraktivität der Pflegeberufe nichts mit der Ausbildung zu tun habe. Die Rahmenbedingungen im Berufsalltag seien das eigentliche Problem.

Eindeutig für eine Spezialisierung plädierte Dr. Karl Eßer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V.: „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Eine optimale Pflege für Säuglinge, Kinder und Jugendliche ist mit dieser Ausbildungsreform nicht möglich, daher lehnen wir sie ab.“ Auch bei dieser Diskussionsrunde zur Gesundheitspolitik gilt am Ende die Binsenweisheit: Für und Wider, Generalisierung oder Spezialisierung in der Pflegeausbildung heißt Schwarz oder Weiß. In einer Demokratie entscheidet am Ende die Mehrheit.  (Frank Fäller)